22.8.05

Weltjugend tagt

Ein komischer Kerl, der Alte im weißen Ornat, mit weißem Haupthaar und weißem Käppchen. Wie er dort in Köln ständig mit den Armen in der Luft ruderte, das erinnerte mich an einen Dirigenten in Zeitlupe. Wirklich erstaunlich, welche Kondition der Mann hat. Ob es wohl ein päpstliches Fitnesstudio gibt, in dem er unter Anleitung kalifornischer Muskelgurus seine Schultern stählt für den Dauergruß Petri?

Jetzt ist er ja wieder weg, kann endlich die Arme hängen lassen. Die Stadt, der er und seine Gefolgsleute den Rücken gekehrt haben, muss im Müll ersticken, da bin ich ganz sicher. Leere PET-Flaschen, zerrissene Plastiktüten, Kleenex und – ja! – jede Menge gebrauchte Kondome.

Merkwürdig ist, dass mir ausgerechnet die Geschichte mit den Präservativen im Gedächtnis geblieben ist. Ich sehe noch immer diese junge Frau mit Ministrantinnenhaarschnitt, randloser Brille auf der Nase und rotem T-Shirt über dem Pummeltorso auf dem Fernsehschirm vor mir: "Nein, Präservative geben wir nicht aus. Ich meine, das geht ja nicht. Wir hoffen, dass die Leute vorher selbst drandenken."

Seither besteht der Weltjugendtag in meiner Fantasie nur noch aus unzähligen dieser Begegnungen der besonderen Art. In den Turnhallen Kölns, wo es wie überall auf der Welt nach einer Mischung aus frisch aus Sportschuhen geschlüpften Schweißfüßen, staubiger und kohlendioxidreicher Altluft und den Ausdünstungen von Gummiturnmatten (blau, genoppt) mufft, schwitzen pummelige Ministrantinnen aus Nordrhein-Westfalen Haut an Haut mit italienischen Jugendgruppenführern, die die obligatorische Gitarre aus den Händen gelegt haben, um mit zitternden Fingern schweißfeuchte Ministrantinnenbrüstchen im Schlafsackmantel befummeln zu können. Seite an Seite, Reihe um Reihe, Halle um Halle turnen Pärchen im Sichtschutz von Nylonsäcken und hoffentlich behütet von Gummitüten (rosa, ebenfalls genoppt). Was für ein Gemurmle, Gestöhne und Gestoße muss das allnächtlich gegeben haben in den Kölner Sporthallen!

Wenn ich dann noch darüber nachdenke, dass in Köln bestimmt nicht nur Heteropärchen am Werke waren, dann komme ich aus dem Wundern über die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der katholischen Kirchengemeinde nicht mehr heraus. War es nicht der Herr Wojtyla, der die Weltjugendtage ins Leben gerufen hatte? "Begegnet euch, Jugend der Welt!" – So gemeint, wie es gelebt wird, hat es der Papst wohl nicht.

Mich beruhigt es jedoch ungemein, dass sich die katholische Jugend trotzdem nicht von archaischen Geboten einschüchtern lässt, sondern den Gefühlen freien Lauf lässt. Make love not war, war schon immer ein gutes Motto, selbst wenn sich der Herr Ratzinger Nächstenliebe nicht so gerne im rosa genoppten Gewand vorstellen mag.